Der Silberne Eid
Die Luft im Zelt stand dick in meinen Lungen, schwer vom raubtierhaften Geruch der Alphas, denen zu lange die Befriedigung verwehrt geblieben war. Der Moschus ihrer Aggression drückte gegen die Zeltwände, eine erstickende Kraft von fast greifbarem Gewicht.
Ein Zittern lief durch die Finger meiner Mutter, als sie das duftende Öl in meinen Nacken massierte.
»Du musst stillhalten, Iphigenie. Du bist eine Prinzessin. Denk daran.«
Das hektische Tasten ihrer Berührung linderte den tiefen Schmerz in meiner Bindungsdrüse keineswegs. Es war ein beharrliches Pochen, ein Befehl, der im Blut selbst verwurzelt war. Der uralte Instinkt, der mir als heilige Pflicht gelehrt worden war, fühlte sich nun wie nichts weiter als eine Leine an.
»Ich erinnere mich, Mutter«, erwiderte ich, doch die Worte kamen schwach und brüchig heraus.
Sie drückte meine Schulter, vielleicht in dem Versuch, die ruhelose Energie zu beruhigen, die durch mich hindurchsurrte. Es funktionierte nicht. Wenn überhaupt, hatte es den gegenteiligen Effekt.
Das war Klytaimnestra, Königin von Mykene, eine Omega, deren Schönheit beinahe die Achäischen Staaten zerschmettert hätte. Doch die Frau vor mir war nicht jene Königin. Der saure Stich ihrer Verzweiflung schnitt durch das Jasminöl. Es war der Geruch reiner animalischer Angst, der die Omega in mir dazu brachte, vor Furcht zu winseln.
Aber ich konnte es mir nicht leisten, mich meiner Pflicht zu entziehen, und meine Mutter ebenso wenig. »Das ist eine große Ehre«, sagte sie. »Du musst süß für ihn duften. Für deine Paarung mit Achilleus.«
Achilleus. Der Name fiel wie ein Stein in die Stille, schwer vor Erwartung. Er war der Wolf von Thessalien, der größte Mörder unseres Zeitalters, und ich war der Preis, gezüchtet, um der Anker für seine legendäre Wut zu sein. Der Gedanke jagte eine frische Welle der Übelkeit durch meinen Körper, ein kalter Knoten, der sich in meinem Magen zusammenzog.
Ich grub meine Fingernägel in die Seide meines Kleides, der kleine Schmerz ein verzweifelter Halt gegen die Flut der Unterwerfung.
»Warum ist das Lager so still? Wenn dies ein Paarungsfest ist, wo ist die Freude?«
»Die Alphas sind … konzentriert.«
Meine Mutter nestelte an dem Band in meinem Haar und zog den Knoten so fest, dass ein Schmerz durch meine Kopfhaut schoss.
Ihr Blick huschte zum Zeltspalt, als erwartete sie, er würde jeden Moment aufgerissen.
»Sie warten auf den Wind.«
Die Stille draußen drückte auf das Zelt, eine lauernde Stille wie ein angehaltener Atem vor dem tödlichen Schlag. Es war der Klang des Fluches, den Orpheus uns auferlegt hatte, hier an den Ufern von Aulis real und absolut geworden.
Ein Horn dröhnte vom Ufer her, eine tiefe Vibration, so kehlig, dass sie durch die festgetretene Erde in meine Füße schoss. Der Klang grub sich tief in meine Brust, ein urzeitlicher Befehl, der die Omega in meinem Blut dazu brachte, ›Beute‹ zu schreien.
Meine Mutter packte meinen Arm, ihr Griff erschreckend fest, ihre Nägel gruben sich in meine Haut.
»Es ist Zeit.«
Sie löschte die Lampe mit einem scharfen Atemstoß und stürzte das Zelt in Dunkelheit.
»Steh aufrecht, Iphigenie. Dein König erwartet dich.«
Ich erhob mich, und die feine Seide meines Kleides fühlte sich plötzlich grob und fremd auf meiner Haut an. Meine Mutter schob die Zeltplane beiseite, und die Nachtluft traf mich, schwer vom Versprechen der Gewalt. Oben am Himmel schien der Mond der Artemis, dessen bleiche Strahlen die Haut meiner Mutter fast gespenstisch wirken ließen.
Es gab keine Prozession, keine festliche Musik. Es gab nur ein Spalier aus Feuer, einen Pfad, der zwischen Mauern aus Männern geschlagen war. Tausende standen Schulter an Schulter, die Fackeln hoch erhoben, die Gesichter von unten durch hungrige Flammen beleuchtet. Ein leises Murmeln, das Geräusch von tausend Bestien, die Blut witterten, lief durch die Reihen.
Als ich den ersten Schritt aus dem Zelt tat, glitt ein leises Flüstern von irgendwo zu meiner Rechten herüber.
»Riech das … süß wie ein Sommerpfirsich …«
Mein Magen zog sich zusammen, und ich kämpfte gegen den Drang an, mich zu bedecken. Ich wünschte mir verzweifelt, meine Mutter wäre wenigstens bei mir geblieben, doch sie war fort, zurückgelassen am Zelt. Ich musste den Weg zu meinem Gefährten allein gehen.
Jeder Kopf drehte sich wie auf einen Schlag, als ich zu gehen begann, tausend Augenpaare verfolgten jede meiner Bewegungen. Sie sahen mir nicht ins Gesicht. Ihre Blicke waren auf das Wiegen meiner Hüften fixiert, auf den Puls in meiner Kehle, auf die weiche Rundung meines Bauches unter der Seide. Ein weiteres Murmeln, dieses fast ehrfürchtig, drang von links heran.
»Ein feiner Preis … von den Göttern gesegnet …«
Gesegnet? Das Wort war ein dissonanter Ton in der Symphonie ihres Hungers. In der kehligen, triebhaften Sprache des Fluches sagten sie mir genau, was ich für sie war. Ein Gefäß. Fleisch.
Hatte sich Eurydike so gefühlt, als sie zur ersten Omega wurde? Wenn ja, ergab der Fluch des Barden weit mehr Sinn, als er es je getan hatte.
Mein eigener Duft fühlte sich wie Verrat an, ein Leuchtfeuer, das jedes Raubtier in der Dunkelheit anzog. Ein letztes, grausames Zischen erreichte meine Ohren, scharf vor Neid.
»So eine Verschwendung … wo wir doch alle hier auf eine Kostprobe warten.«
Die Worte jagten einen frischen Stich des Terrors durch mich. Ich suchte das Meer aus Gesichtern ab, verzweifelt nach dem einen, der zählte, dem einzigen, der mich abschirmen konnte. Ich brauchte den Duft meines Bestimmten. Ich brauchte den Schutz von Achilleus’ Anspruch.
Dann, durch die erdrückende Mauer aus Leibern, fand ich ihn. Er stand nahe der Front, eine Säule aus brünierter Bronze und Schatten. Das Fackellicht glitt über die starre Wölbung seines Schildes. Sein Duft schnitt durch den minderen Moschus des Lagers, ein klarer Schock aus sturmgeladener Luft und heißem Eisen.
Trotz seiner Macht wartete er in den Reihen mit den anderen, den Körper in starrer Anspannung, den Blick auf den Altar voraus gerichtet. Der gefährlichste Alpha der Welt roch nach Besitzgier, doch seine Haltung war die eines Mannes im Dienst, seine Instinkte in Ketten gelegt durch einen Befehl, den ich nicht sehen konnte.
Mein Blick riss sich von Achilleus los und suchte nach der Quelle dieses Befehls. Ich fand sie am Altar. Mein Vater. Agamemnon.
Solange ich denken konnte, war er ein Anker in dieser seltsamen Welt gewesen, die oft keinen Sinn ergab. Keine Herausforderung war ihm zu groß, kein Kampf zu schwer. Er trotzte jedem Sturm mit einem undurchdringlichen Stoizismus, um den ich ihn nur beneiden konnte. Heute lag etwas in seiner Haltung, das sich anders anfühlte. Ich konnte es nicht ganz einordnen, aber ich hätte schwören können, es war Schuld.
Neben ihm stand der Seher Kalchas. Seine Hände waren leer, ohne den traditionellen Bindungskranz aus Myrte und Rosen. Doch es war der Mann, der zu Agamemnons Rechten stand, der mein Blut gefrieren ließ.
Odysseus.
Der König von Ithaka trug eine einfache Tunika, seine Augen scharf und intelligent im Fackellicht. Statt nach Rut oder Aggression roch er nach Salz, altem Pergament und Tinte. In seiner Hand hielt er eine Schriftrolle, den Zwilling jenes Briefes, der uns hierher gerufen hatte.
Die Erkenntnis traf mich härter als jeder Schlag. Achilleus hatte nicht um mich gebeten. Mein Vater hatte nicht aus Liebe nach mir geschickt. Er hatte dies getan. Der Beta. Der Stratege. Der Lügner.
Ich erstarrte auf dem sandigen Pfad und weigerte mich, einen weiteren Schritt zu tun.
»Nein.«
»Komm, Kind«, befahl Agamemnon. »Gehorche.«
Mein Vater gehörte zu den wenigen Menschen, die ich getroffen hatte, die nicht unter den Bann des Bardenfluches gefallen waren. Seine Stimme hatte nicht das grollende Knurren eines Alphas. Doch König Agamemnon brauchte die Macht des Alpha-Befehls nicht. Er trug das Gewicht des Throns, die absolute Gewissheit eines Mannes, der erwartete, dass die Sonne aufging, einfach weil er es wollte.
Mein Körper versuchte, sich vorwärtszubewegen. Nicht wegen meines Blutes, sondern weil ich seine Tochter war und dazu erzogen worden war, dem König zu gehorchen.
Ich biss mir auf die Zunge, bis ich Eisen schmeckte, und nutzte den Schmerz, um den Bann zu brechen.
»Das ist keine Paarung. Sie haben mich nicht hergebracht, um beansprucht zu werden.«
»Die Göttin verlangt einen Handel«, sagte mein Vater und knirschte mit den Zähnen. »Artemis hält die Winde. Sie verlangt das Blut einer königlichen Omega, um die Waage auszugleichen.«
Ein Handel. Die kalte Furcht in meinem Magen gefror zu Eis, ein Eisblock, der meine letzte Hoffnung zerschmetterte. Ich drehte mich zu Achilleus, ein letzter, verzweifelter Versuch, nach dem einen Mann zu greifen, der mein Schild sein sollte.
»Du wusstest es? Du würdest zulassen, dass sie deine Gefährtin abschlachten?«
Der große Krieger blickte auf den Sand zwischen uns hinab, seine breiten Schultern sanken unter dem Gewicht seiner Unehre herab. Er sagte nichts.
Odysseus räusperte sich und begegnete meinem Blick, ohne zu zucken.
»Es ist nicht seine Schuld, Iphigenie. Die Armee … ihre Not treibt sie. Wenn wir nicht segeln, werden sie einander zerfleischen. Wir brauchen den Wind.«
Seine Ruhe machte mich rasend, mehr als der Geruch all der lüsternen Alphas, die mich umgaben.
»Sie haben den Brief geschrieben. Sie haben meine Mutter getäuscht. Sie haben uns eine Hochzeit versprochen.«
»Ich versprach eine Vereinigung«, korrigierte Odysseus, seine Stimme glatt und trocken. »Und heute Nacht wird die Armee vereint sein. Es war der einzige Weg, dich ohne Kampf hierher zu bringen. Eine notwendige Täuschung.«
Ohne diese Fiktion hätte meine Mutter niemals zugestimmt, mich hierher zu bringen. Ich dachte daran, wie sie im Zelt gezittert hatte, an ihren verzweifelten Versuch, mich zu trösten. Da hatten die Männer, die uns umgaben, sie bereits genauso sicher in der Falle wie mich.
Odysseus hatte ohne Bosheit gesprochen. Für ihn war ich keine Person. Ich war ein taktischer Zug. Ein Spielstein, geopfert, um das Spiel zu eröffnen. Doch meine Mutter hatte mit Trauer gesprochen. ›Du bist eine Prinzessin‹, hatte sie gesagt. ›Steh aufrecht.‹
Für sie würde ich dies tun. Aber es würde zu meinen eigenen Bedingungen geschehen.
Eine seltsame Ruhe legte sich über mich. Die Angst war noch da, aber etwas anderes hatte daneben Wurzeln geschlagen. Es war ein trotziger Stolz, der weißglühend brannte. Wenn sie ein Opfer wollten, würde ich nicht wie ein verängstigtes Tier zum Altar geschleift werden. Ich würde ihnen nicht die Genugtuung meiner Angst geben. Ich würde meine Mutter nicht noch elender machen, als sie es ohnehin schon war.
Zwei der Wachen meines Vaters traten vor, ihre Hände griffen nach meinen Armen. Hitze schlug mir von ihren Körpern entgegen, schwer von der Selbstsicherheit eines Alphas.
»Fasst mich nicht an«, knurrte ich.
Eine Omega hätte nicht die Macht haben sollen, einen Alpha zu befehligen. Doch beide Männer erstarrten, ihre Hände schwebten in der Luft. »Wenn die Göttin mein Blut will, werde ich es ihr gewähren«, sagte ich.
Ich tat einen bedächtigen Schritt, dann einen weiteren, und ging das letzte Stück zum Altar allein. Jeder Schritt war eine Entscheidung, eine stille Erklärung, dass ich mehr war als die Rolle, die sie mir zugewiesen hatten. Ich stieg die kalten Steinstufen hinauf, den Kopf hoch erhoben, und legte mich auf den Opferstein.
Kalchas reichte meinem Vater ein langes, verziertes Messer. Ich schenkte ihnen keine Beachtung. Stattdessen starrte ich hinauf in das teilnahmslose Gesicht des Mondes.
›Artemis, ich hoffe, meine Unterwerfung erweicht Euer Herz.‹
Der Arm meines Vaters hob das Messer, seine Bewegungen ruhig, geübt wie die eines Schlächters. Das Mondlicht küsste die bronzene Schneide, ein letzter Splitter grausamer Schönheit. Ich schloss die Augen und wappnete mich für den scharfen Stich des Schmerzes.
Eine plötzliche Dunkelheit, absolut und vollkommen, verschluckte die Welt.
Die erstickende Hitze der Alphas verschwand in einem Augenblick, fortgerissen, um eine Kälte zu hinterlassen, die bis ins Mark ging. Das Tosen des Meeres, der Atem der Armee, das hektische Pochen meines eigenen Herzens … All das schmolz in eine Stille, die schwer auf meinen Ohren lastete.
Eine Gestalt erschien neben mir, direkt am Altar. Die Luft um sie herum flimmerte vor einer Macht, so gewaltig, dass es sich anfühlte, als würde sich die Welt ihrer Präsenz beugen.
Ihr Duft trug die scharfe Note tiefer Wälder, von Frost auf Kiefernnadeln und kalten, fließenden Bächen. Er enthielt nichts von der fordernden Aggression eines Alphas, nichts von der nachgiebigen Süße einer Omega. Es war ein Duft, der nicht danach strebte, zu dominieren oder sich zu unterwerfen. Er existierte einfach, uralt und unantastbar. Mein Verstand, konditioniert durch ein Leben unter dem Fluch, hatte Mühe, ein Wesen zu begreifen, das so vollkommen außerhalb seiner Gesetze existierte.
In den silbernen Spiegeln ihrer Augen sah ich mein eigenes verängstigtes Spiegelbild und verstand. Der Name war ein Flüstern unmöglicher Wahrheit in meiner Seele.
Artemis.
»Er weint.«
Die Stimme der Göttin schnitt durch die tiefe Stille, jedes Wort so scharf und wild wie das Knurren eines Wolfes. »Sieh ihn an. Der König der Könige, der weint, weil er sein eigenes Spielzeug zerbrechen muss.«
Ich folgte ihrem Blick. Mein Vater stand vollkommen still im silbernen Licht, das Messer hoch erhoben. Doch nun strömten Tränen über seine Wangen, in seinen Bart. Der Anblick rührte eine verwirrte, bittere Wut in mir auf.
Ich wandte mich von ihm ab, zurück zur Göttin.
»Ihr seid Artemis«, flüsterte ich, der Name ein Gebet und eine Anklage. »Sie sagten, Ihr hättet dies verlangt. Dass Ihr die Winde hieltet.«
Artemis lachte, doch der Klang barg keine Freude, nur eine gewaltige, uralte Verachtung.
»Kalchas hält sich für begabt, aber er ist nur ein törichter Emporkömmling. Er spricht nicht für mich. Keiner von ihnen tut das.«
Also war alles von Anfang an eine Lüge gewesen? Aber alle hatten so sicher gewirkt. Mein Vater, Odysseus … Sogar Achilleus. Sicherlich würden sie dies nicht umsonst tun.
Artemis blickte auf mich herab, und ihr Blick durchdrang Jahre der Unterwerfung.
»Iphigenie. Dies ist die erste und härteste Lektion, die du lernen musst. Die Weisheit der Männer ist reine Arroganz, und oft sind es die Unschuldigen, die den Preis zahlen.«
Die Unschuldigen. Wie ich. Und meine Mutter. Auseinandergerissen, weil all diese Krieger dachten, sie wüssten es besser.
»Akzeptierst du das, Iphigenie?«, fragte Artemis. »Akzeptierst du, dass du geboren wurdest, um für ihren Ehrgeiz zu bluten?«
»Ich habe keine Wahl«, erwiderte ich zitternd. »Ich bin eine Omega. Ich bin an den Fluch gebunden.«
Artemis lächelte, und der schlichte Zug um ihre Lippen milderte die strengen Linien ihres Gesichts.
»Der Fluch des Barden ist nichts im Vergleich zur Macht eines Gottes. Meine Jagd ist ewig. Es war der Olymp, der Orpheus’ Blut verdrehte. Wir können es leicht neu formen.«
Sie legte die Hand auf meinen Nacken. Das hektische Pochen, das in meiner Bindungsdrüse schmerzte, verstummte, zum Schweigen gebracht von einer Macht, die weit älter war als seine eigene.
»Dieses Feuer in deinem Blut«, sagte sie, und der Befehl hallte wider, wo ihre Hand meine Haut berührte. »Dieser Instinkt nachzugeben. Diese Weichheit, die sie für Schwäche halten. Ich kann sein Lied aus deinem Blut herausbrennen und dich an seiner Stelle ein neues lehren. Das Lied der Jagd.«
Zum ersten Mal, seit ich aus dem verdammten Zelt getreten war, spürte ich wieder Hoffnung. Sie ängstigte mich mehr als die Klinge.
»Und was werde ich werden?«
»Eine Jägerin. Eine Wölfin. Eine Alpha des Mondes. Du wirst keine Armeen von Männern befehligen, die für Ruhm marschieren. Du wirst die Schwachen beschützen, die sie niedertrampeln. Du wirst die Raubtiere jagen, die glauben, ihre Natur gäbe ihnen das Recht, zu nehmen.«
Artemis’ Augen funkelten mit fast wilder Intensität. Die Spitzen ihrer Nägel sanken gerade tief genug in meine Haut, um zu brennen.
»Aber es wird wehtun, Kleine. Das Blut neu zu schreiben heißt, bei lebendigem Leib zu verbrennen.«
Verbrennen. Das Wort hing in der Luft, ein Versprechen von Qual und Erlösung. Mein Blick hob sich ein letztes Mal zu meinem Vater. Er stand am Altar, ein König, gebadet in Mondlicht, weinend, aber immer noch nach Ehrgeiz riechend. Ich erinnerte mich an den Tag, als ich mich zum ersten Mal als Omega präsentierte, den Stolz in seinen Augen, als er mir das zeremonielle Halsband umlegte.
Er hatte es eine Ehre genannt. Ich hatte sein Gewicht jeden Tag seither gespürt, eine Phantomkette, die mich daran erinnerte, dass ich sein Eigentum war.
Ich würde lieber zu Asche verbrennen, als diese Kette auch nur einen weiteren Herzschlag lang zu tragen.
»Verbrennt es«, knurrte ich, der Laut ein raues, ungewohntes Ding, das sich seinen Weg aus meiner Kehle krallte. »Verbrennt alles.«
Eine weißglühende Qual brach aus ihrer Berührung hervor. Sie durchdrang meine Haut gänzlich, ein Feuer, das direkt in mein Knochenmark schoss. Mein Rücken bäumte sich von dem Steinaltar auf, jeder Muskel blockierte, als Artemis begann, mich gewaltsam aufzulösen.
Der klebrig-süße Duft meiner eigenen Omega-Natur verbrannte und hinterließ an seiner Stelle den Geruch von heißem Eisen. Der Instinkt, zu knien, zerbrach, zersplitterte wie Glas und wurde von der sengenden, silbernen Flut fortgespült.
Meine Sinne weiteten sich explosionsartig. Die Welt rückte in einen Fokus, so scharf, dass es schmerzte. Ich konnte Kalchas’ Angstschweiß zehn Schritte entfernt riechen und den scharfen Hauch von Odysseus’ Reue. Ich konnte das Salz in der Meeresbrise riechen, das Harz, das aus einer Kiefer am Waldrand sickerte.
Ich keuchte, ein rauer, verzweifelter Atemzug. Die Welt war kein Gewebe aus Bedrohungen mehr, die besänftigt werden mussten. Sie war eine Karte aus Düften, die es zu jagen galt.
Und meine Sicht … Es war, als hätte Artemis’ Berührung einen Schleier von meinen Augen gelüftet. Selbst von hier am Altar konnte ich die Matrosen erkennen, die noch immer auf den Booten jenseits der Strände warteten. Ich konnte das hungrige Gesicht jedes Alphas sehen, an dem ich vorbeigegangen war.
Ich konnte meine Mutter sehen, noch immer vor unserem Zelt, ihr Gesicht in den Händen vergraben, während sie weinte.
Artemis nahm die Hand von meinem Nacken, die sengende Verbindung brach mit einer Endgültigkeit, die in meinen Knochen widerhallte.
»Es ist vollbracht.«
»Das Lied der Omega ist aus deinem Blut verschwunden«, sagte sie, ihre Stimme erfüllt von einer Macht, die nur die Götter je besitzen konnten. »Nun brauchst du ein Instrument, um das neue zu spielen.«
Sie hob ihre leeren Hände vor sich. Das reine Mondlicht antwortete ihrem stummen Ruf, floss zwischen ihre Handflächen, wob sich und verhärtete sich zu einem Langbogen. Seine Kurve war die perfekte Sichel eines Jägermondes.
»Dies ist kein Zepter der Herrschaft, geschaffen zur Unterwerfung anderer«, sagte Artemis und hielt mir den Bogen hin. »Dies ist der Wille der Jagd, dem Form gegeben wurde. Er wird dich nicht im Stich lassen, solange du seinen Zweck nicht verrätst.«
Ich streckte die Hand aus und nahm die Waffe. In dem Moment, als sich meine Finger um den glatten Griff schlossen, schoss ein Strom tiefer Gewissheit meinen Arm hinauf. Artemis’ Geschenk fühlte sich weniger wie ein Gegenstand an und mehr wie ein fehlendes Stück meiner eigenen Seele. Als wäre ich zu Hause.
Doch unsere Aufgabe war noch nicht beendet.
Artemis zog mich vom Altar zurück, weg von dem, was mein Ende hätte sein sollen. Sie ließ die Steinplatte nicht leer zurück. An der Stelle, wo ich gerade noch gewesen war, lag nun ein Phantom meiner selbst, gewoben aus reinem Mondlicht. Es weinte nicht, genau wie ich nicht geweint hatte. Stattdessen blickte es zu meinem Vater auf, zu dem König, der mich hätte beschützen sollen, es aber nicht getan hatte.
Die Welt erwachte wieder zum Leben. Der Arm meines Vaters hob und senkte sich. Das bronzene Messer sauste herab.
Die Kehle des Phantoms öffnete sich, Flüssigkeit spritzte über das Gesicht und die Brust meines Vaters. Es war kein Blut. Es war Ichor, der Überrest einer Illusion, erschaffen von einer Göttin. Doch niemand schien es zu bemerken. Artemis’ Macht stellte das sicher.
Agamemnon stand nur über dem sterbenden Trugbild und sah zu, wie das Licht aus seinen Augen wich. Seine Tränen trockneten, wie ein Fluss im Angesicht von Apollons eigenem Feuer. Wenn es ihn überhaupt gekümmert hatte, so tat es das nun gewiss nicht mehr.
Während die anderen zusahen, hob mein Vater seine ichorbefleckten Hände zum Himmel.
»Mit diesem Blut ist die Schuld beglichen.«
»Eine Schuld, dem falschen Gott entrichtet«, murmelte Artemis aus den Schatten neben mir. »Mein Vater hat einen grausamen Sinn für Theatralik.«
Wie von ihren Worten herbeigerufen, erhellte ein Blitz lautlos die Wolken weit draußen auf dem Meer. Einen Augenblick später fegte der versprochene Wind von den Bergen herab, eine mächtige Böe, die durch die Bucht riss.
Zeus. Natürlich. Es war nicht an ihr, den Wind zu halten, doch es war an ihm, ihn zu gewähren. Er hatte gewartet, bis das Blut floss, bevor er ihn gab. Mehr Ränkespiele der Olympier und Listen, vielleicht mit einem Zweck, den ich nie verstehen würde.
Draußen in der Bucht blähten sich die Segel der tausend Schiffe mit einem Knall auf, zahllose Matrosen grinsten triumphierend. Ein einziges, kehliges Brüllen brach aus der Armee hervor. Sie brachen die Reihen, eine Woge aus Leibern, die zu den Booten stürmte. Ihre Gier nach der Schlacht war von höchster Stelle abgesegnet worden.
Ich sah zu, wie mein Vater dem Altar den Rücken kehrte. Er ging mit stetem Schritt auf sein Schiff zu, unbelastet von der Schwere des Lebens, das er gerade genommen hatte.
Ich stand in den Schatten des uralten Waldes und beobachtete, wie das erste der schwarzbesegelten Schiffe auf das offene Meer zusteuerte. Meine Finger schlossen sich fester um die glatte Wölbung meines Bogens. »Sie riechen nach Bosheit und Eisen«, murmelte ich. »Aber sie riechen mich nicht.«
Ein schwaches Lächeln umspielte Artemis’ Lippen.
»Das werden sie. Eines Tages wird ein Mann wie dein Vater sich allein in der Dunkelheit wiederfinden. Er wird einen Duft wittern, den er nicht versteht. Und er wird wissen, dass die Wälder nicht mehr sicher sind.«
Ich sah nicht zu, wie das letzte Schiff verschwand. Ich kehrte dem Meer und den Männern, die es befuhren, den Rücken. Ich ließ den Geist des Mädchens zurück, das gezüchtet worden war, um vor dem Blut auf dem Altar zu knien.
Ich war nicht länger Iphigenie die Omega.
Ich war eine olympische Alpha, die erste Wölfin der Artemis. Die Jagd hatte gerade erst begonnen.
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Er nahm mich, als wäre es sein Recht. Und das Schlimmste daran? Mein Körper gibt ihm recht.
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