Die Blitzkrone

Das Wasser in der Kupferwanne war heiß genug, um Haut zu verbrühen, doch es konnte den Winter nicht vertreiben, der mir nach zehn Jahren Belagerung bis ins Mark ging.

Ich legte den Kopf gegen den gehämmerten Rand zurück und überließ das Gewicht meines Schädels dem Metall. Dampf stieg um mich auf, schwer vom Duft nach Lavendelöl. Es war ein heimisches, klebrig-süßes Öl, das sich für meine Sinne fremd anfühlte.

Seit einem Jahrzehnt hatten meine Lungen nur den dicken, schmierigen Rauch brennender Schiffe gekannt, die Verwesung unbegrabener Männer und den Kupfergeschmack des Blutes. Jetzt atmete ich Frieden. Er schmeckte nach einer Lüge auf meiner Zunge.

Klytaimnestras Stimme drang aus den Schatten, glatt und frei von den schroffen Kanten, die ich aus Aulis in Erinnerung hatte. »Gefällt dir das Wasser, Gatte?«

Ein Jahrzehnt war eine lange Zeit. Lang genug für eine Mutter, um die Opferung ihrer Tochter zu vergeben? Ich starrte zur Decke hinauf und fuhr den feinen Rissen im bemalten Putz nach. Vielleicht nicht. Aber sicherlich lang genug, um zu erkennen, wo die Macht lag.

Ich schloss die Augen und zwang die Hitze, das Narbengewebe meiner Erinnerungen zu durchdringen. »Es ist vollkommen.«

Meine Muskeln pochten, ein dumpfer, beständiger Schmerz, den der Sieg nicht heilen konnte. Ich war des Krieges müde. Und ich war angewidert von dem, was aus der Welt geworden war, seit der Barde vor einer Generation in die Unterwelt hinabgestiegen war.

Ich hatte es in den Lagern gesehen. Der Fluch des Barden hatte die Männer ihrer Würde beraubt und sie zu Sklaven ihrer eigenen Triebe gemacht. Alphas, die durch rohe Gewalt herrschten, Omegas, die Imperien mit einem einzigen Duft in den Ruin stürzten. Es war chaotisch. Es war wild.

Ich hasste es. Ich war es leid, Könige zu sehen, die sich wegen Hitze und Rut erniedrigten und ihre Eide gegenüber dem Thron vergaßen. Ich wollte eine Rückkehr zur Ordnung. Ich wollte auf meinem Thron sitzen und spüren, wie die Welt einfach … gehorchte. Keine Triebe mehr, die die Politik diktierten. Kein Chaos mehr. Nur Stille. Nur Herrschaft.

Die Luft im Raum stand still.

Die schweren Wollvorhänge waren fest zugezogen, doch die feinen Härchen auf meinen nassen Armen stellten sich auf. Ein Prickeln lief meine Wirbelsäule hinunter, urtümlich und unmittelbar. Der Lavendelduft verschwand, erstickt von einer schärferen, metallischen Dominanz. Es schmeckte nach versengter Luft und Eisen.

Ich öffnete die Augen.

Klytaimnestra stand an der Wanne und hielt eine schwere Robe, die mit purpurnem Faden gewebt war. Die Farbe der Könige, die Farbe der Blutergüsse. Sie bot sie nicht an. Sie schleuderte sie mir entgegen.

Die nasse Wolle schlug gegen mein Gesicht, schwer wie ein Leichentuch. Sie fesselte meine Arme, nahm mir die Sicht und klebte an meiner Haut wie ein Parasit. Ich schlug um mich und ließ Wasser heftig über die kupfernen Seiten schwappen.

»Jetzt!«, schrie sie, ihre gewöhnlich sanfte Stimme plötzlich schrill in dem kleinen Raum.

Als der Schlag traf, fühlte er sich tiefer an als eine Stichwunde. Reiner, eisiger Schock explodierte in meiner Schulter und schabte am Schlüsselbein.

Ich brüllte und riss mich hoch, reine animalische Wut rauschte durch mich hindurch. Ich war der Bezwinger von Ilion. Ich würde nicht nackt in einer Wanne sterben wie ein geschlachtetes Tier. Ich riss mir den nassen Stoff von den Augen, verzweifelt auf der Suche nach einem Ziel.

Aigisthos. Mein Vetter. Der Feigling, der meinen Thron warmgehalten hatte, während wir an den Stränden von Ilion bluteten. Er hielt ein zweischneidiges Schwert, sein Gesicht verzerrt von panischem Ehrgeiz.

»Stirb!« Er rammte die Klinge mit einer blinden, stümperhaften Verzweiflung hinab.

Diesmal traf mich der Stahl in die Brust. Meine Kraft, die Kraft, die Armeen in die Knie gezwungen und Löwen erwürgt hatte, verließ mich augenblicklich. Ich verlor den Halt auf dem glatten Kupferboden und zappelte wie ein abgestochenes Schwein. Das Wasser wurde dickflüssig und aufgewühlt, färbte sich rosa, dann dunkel und widerlich rot. Ich sank zurück. Die Robe verfing sich in meinen Beinen und drückte mich nieder, während mein Leben in das Badewasser strömte.

Klytaimnestra stand über mir. Ihr Gesicht war mit meinem Blut bespritzt, aber sie wischte es nicht weg. Sie trug es wie Kriegsbemalung.

»Für Iphigenie«, flüsterte sie, der Name wie ein Fluch.

Ich versuchte zu sprechen, aber Blut quoll heiß und schwer in meiner Kehle. Mein Blickfeld wurde an den Rändern grau. Eine schleichende Taubheit begann in meinen Fingerspitzen, kälter als die Winde, die vom Skamandros herabheulten.

Das war es also. Der große Agamemnon, niedergestreckt nicht durch Hektors Speer oder Apollons Seuche, sondern durch einen häuslichen Hinterhalt. Die Schmach brannte heißer als die Wunde in meiner Brust. Es war ein Witz. Ein bitterer Scherz der Götter.

›Erbärmlich.‹ Der Gedanke gehörte nicht mir.

Der Druck im Raum fiel, bis meine Ohren knackten. Blaue Funken begannen auf der Oberfläche des blutigen Wassers zu tanzen, begleitet von einem leisen, zischenden Knistern.

Aigisthos stolperte zurück, sein Schwert schepperte auf die Fliesen. »Was ist das? Was geschieht hier?«

Ich konnte nicht antworten. Ich war gelähmt, gefangen in dem grauen Raum zwischen einem Herzschlag und der Stille. Aber ich konnte ihn hören.

›Du hast eine legendäre Stadt erobert.‹ Die Stimme vibrierte im Mark meiner Knochen, eine tiefe Resonanz wie das Knirschen des Grundgesteins der Erde.

›Aber du konntest dein eigenes Haus nicht beherrschen.‹

Zeus. Natürlich war er es. Der König der Götter, der so oft über den Schmerz der Sterblichen lachte.

Aber bevor er ein König gewesen war, hatte er auch einen Krieg geführt, und er hatte ihn gewonnen. Es musste einen Grund geben, warum er jetzt hierhergekommen war. Sicherlich hatte er Besseres zu tun, als mir beim Sterben zuzusehen.

Es war die letzte Hoffnung, die mir geblieben war, der Gedanke, dass Zeus vielleicht noch Verwendung für mich hatte.

Ich versuchte, einen Gedanken durch den Schleier des Schmerzes zu zwingen. ›Rettet mich, mächtiger Zeus. Ich flehe Euch an.‹

›Warum?‹ Die Belustigung des Gottes war ein Grollen fernen Donners.

›Du bist zerschundenes Fleisch, Agamemnon. Du hast vertraut, und du hast dafür geblutet. Könige vertrauen nicht. Könige ruhen nicht.‹

›Die Welt verwandelt sich in einen Zwinger voller Bestien. Lasst mich nicht sterben, während niedere Männer die Erde erben. Ich bin der Einzige, der stark genug ist, sie an die Leine zu legen. Ich bin der Einzige, der Ordnung bringen kann.‹

Die knisternde Energie wurde heller und schlug einen Bogen vom Wasser zu meiner Haut. Es schmerzte nicht. Es fühlte sich an wie eine kalte Verbrennung, welche die Wunden ausbrannte und das zerrissene Fleisch mit Fäden roher Macht vernähte.

Der Gott summte leise vor sich hin, fast als hätte meine Antwort ihn innehalten lassen. ›Ordnung hat ihren Preis.‹

›Ich werde bezahlen.‹

›Du wirst sterben‹, korrigierte Zeus.

›Agamemnon stirbt hier. Der Mann, der seine Frau liebte, der Vater, der um seine Tochter trauerte, der Sterbliche, der blutet. Er endet in diesem Wasser. Wenn du dich erhebst, steigst du als der Sturm auf. Das Auge des Hurrikans. Du wirst herrschen, aber durch eine Präsenz, die so schwer ist, dass kein Mann ihr standhalten kann. Du wirst Autorität haben, aber keinen Trost. Du wirst Gehorsam haben, aber keine Liebe.‹

Ich sah zu Klytaimnestra auf. Sie wich jetzt zurück, die Augen weit vor Entsetzen, als das Wasser in der Wanne um meine zerstörte Brust zu kochen begann. Sie liebte mich nicht. Niemand liebte mich. Liebe war der Riss in der Rüstung, in den das Messer hineinglitt.

Pakte mit Göttern zu schließen war ein Spiel für Narren. Es war schließlich das, was mich hierhergebracht hatte. Meine liebe Iphigenie der Göttin der Jagd anzubieten. Warum sollte ich Zeus nicht alles geben, was ich war?

›Nehmt es‹, dachte ich.

›Nehmt alles.‹

Zeus lachte, ein knisterndes Glucksen, das niemand außer mir hören konnte. ›Du bist sehr anmaßend, dich für würdig zu halten, einem Gott zu befehlen.‹

›Das ist angemessen. Deine Arroganz wird dir gute Dienste leisten.‹

Eine Säule aus sengendem weißem Licht schoss von der Decke herab und traf genau auf die Kupferwanne. Der Schmerz blendete mich, eine weißglühende Reinigung, die das Blut in meinen Adern verbrannte und es durch flüssiges Feuer ersetzte. Mein Herz setzte aus, verkrampfte sich und setzte wieder ein mit einem Rhythmus, der zu langsam, zu schwer, zu mächtig für eine menschliche Brust war.

Und dann war es vorbei. Abrupt klärte sich mein Geist. Ich stand auf, und die wollene Robe fiel ab, zu Asche verbrannt.

Meine Wunden waren fort, ersetzt durch gezackte, silberne Narben, die wie Blitzeinschläge aussahen. Aigisthos fiel auf die Knie und schirmte das Gesicht vor dem grellen Licht ab. »Hexerei! Was hast du getan?«

Ich sah ihn an. Sah ihn wirklich an.

Ich sah nicht nur einen Feigling. Ich sah einen Beta. Einen Mann, berührt von der Macht im Fluch des Barden, doch ohne das Rückgrat zum Führen. Schwach. Gewöhnlich. Unwürdig.

Ich konnte den Puls in seinem Hals flattern sehen, ein panischer, verzweifelter Rhythmus. Ich konnte den säuerlichen Gestank seiner Angst riechen, deutlich zu unterscheiden vom metallischen Geschmack des Sturms, der jetzt um mich wirbelte. Ich fühlte mich … gewaltig.

Wie konnte jemand so Erbärmliches sich für würdig halten, mein Leben zu beenden? Ich hätte empört sein sollen, aber seine Existenz hatte in dem Moment ihre Bedeutung verloren, als ich meinen Handel mit Zeus geschlossen hatte.

Die Stimme, die aus meiner Kehle kam, trug ein Gewicht, das die Realität beugte. »Sieh mich an.«

Es war ein Zwang, eine physische Kraft, die sich in die Wirbelsäulen der Verräter krallte und daran zerrte. Ein Alpha-Befehl, aber einer wie kein anderer.

Aigisthos schrie und versuchte, seinen Blick loszureißen. Aber der Befehl hielt ihn fest, und sein Kopf schnellte hoch. Klytaimnestra erstarrte, die Hand auf halbem Weg zur Türklinke.

Ich erblickte mein Abbild im polierten Bronzespiegel auf der anderen Seite des Raumes. Meine Augen waren nicht mehr braun. Sie waren ein wirbelndes, stürmisches Grau, von innen erhellt durch aufblitzende Funken eines aufziehenden Sturms.

»Du wolltest eine Krone. Du solltest mit deinen Wünschen vorsichtig sein.«

Ich stieg aus der Wanne. Das Wasser verdampfte in dem Moment, als mein Fuß den Boden berührte.

»Bitte«, wimmerte Aigisthos, der sich gegen die Wand presste. »Agamemnon, bitte.«

»Agamemnon ist tot.« Ich spürte, wie sich die absolute Wahrheit dessen in meiner Brust festsetzte.

Der Mann, der gezögert hatte, der Schuld empfunden hatte, der Bestätigung gebraucht hatte … Er war in dieser Wanne ertrunken.

Ich hob die Hand. Die Luft im Raum strömte auf meine Handfläche zu und ballte sich zu einer Kugel aus kreischender weißer Energie zusammen. Sie war schwer, instabil und berauschend.

Ich könnte sie töten. Ich könnte sie jetzt sofort in Asche verwandeln.

Doch als ich in ihre verängstigten Gesichter sah, erkannte ich die Sinnlosigkeit dessen. Wenn ich sie tötete, müsste ich hierbleiben. Ich müsste wieder König Agamemnon sein. Ich müsste mich mit dem Hof, der Politik, dem kleinlichen Verrat niederer Männer befassen.

Nein.

Zeus hatte mir Herrschaft versprochen. Er hatte nicht gesagt, dass es in Mykene sein musste. Dieses Königreich war ein Kadaver, sauber abgenagt von zehn Jahren Krieg. Ich wollte etwas Neues.

Ich blickte auf die schwere Steinmauer, die zum Balkon führte. Der Sturm draußen tobte und rief nach mir wie ein Bruder.

Ich wandte mich ihnen wieder zu. Ich ließ Blitze um meinen Körper zucken und eine Rüstung aus blendendem, knisterndem Licht formen, die es unmöglich machte, mich direkt anzusehen. Als ich meine Aura nach außen ausdehnte, brachte das schiere, erdrückende Gewicht der Präsenz sie beide auf die Knie. Es war der Druck eines Hurrikans, zusammengepresst in einem Raum.

»Nehmt es«, befahl ich. Meine Stimme war das Grollen der Erde, bevor der Boden aufreißt.

»Nehmt die Krone. Nehmt die Stadt. Nehmt die Lügen.«

Es war ein Hohn auf das, was ich Zeus gesagt hatte, aber ich war der Einzige, der das wusste. Klytaimnestra schirmte die Augen ab und schluchzte vor Entsetzen. Aigisthos presste die Stirn gegen die nassen Steine, gebrochen durch die überwältigende Nähe der Macht.

»Erzählt der Welt, ihr habt den König getötet. Erzählt ihnen, Agamemnon sei in seinem Bad gestorben. Lasst sie von eurem Sieg singen.«

Ich trat auf die Balkonmauer zu. »Aber wisst dies. Ich überlasse euch den Thron, aber ich behalte die Macht. Und wenn ihr jemals darüber sprecht, was ihr heute Nacht gesehen habt … wird der Sturm beenden, was er begonnen hat.«

Ich setzte die Energie in der Hand frei, und die Entladung zerriss die Nacht. Das Mauerwerk zerbarst und schoss in einem Schauer aus Staub und Trümmern nach außen. Die Wucht der Explosion warf Klytaimnestra und Aigisthos gegen die ferne Wand und schlug ihnen den Atem aus den Lungen.

Rauch und zermahlenes Gestein füllten die Luft, dick und erstickend. Die Fackeln waren erloschen. Das einzige Licht kam von den gezackten Blitzen, die draußen durch den Himmel rissen.

Ich trat hinaus in den Regen. Hinter mir, in den Ruinen des Badehauses, husteten meine Frau und ihr Liebhaber, rangen nach Luft und krochen im Dunkeln umher. Sie würden das Blut in der Wanne finden. Sie würden die zerschmetterte Wand finden. Sie würden der Welt erzählen, sie hätten mich ermordet, weil die Alternative zu erschreckend war, um sie laut auszusprechen.

Soll die Geschichte doch schreiben, dass Agamemnon in seinem Bad starb. Sollen sie denken, das Geschlecht des Atreus endete in einem Gemetzel. Ich würde eine neue Linie aufbauen. Ein Haus nicht des Landes, sondern des Blutes. Ein Haus, das nicht vertrauen, nicht lieben und nicht versagen würde.

Als ich in die Nacht hinausging, zischte der Regen auf meiner Haut. Ich sah zu den brodelnden schwarzen Wolken hinauf und lächelte, als ich spürte, wie der Blitz in meinen Adern antwortete.

Die Macht diktierte das einzige Gesetz. Und ich war endlich der Gesetzgeber.

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Er hat mir nicht meinen Körper gestohlen. Er hat meinen Verstand infiziert. Und das Schlimmste daran? Der Wahnsinn fühlt sich an, als wäre es meiner.